Meilensteine der Architektur: Baugeschichte nach Personen, Bauten und Epochen
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Produktinformation
- Amazon-Verkaufsrang: #565556 in Bücher
- Veröffentlicht am: 2010
- Einband: Gebundene Ausgabe
- 512 Seiten
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übersichtlich und nicht viel drum herum geredet
Von tanzbar
Dieses Buch ist sehr zu empfehlen, da es gut strukturiert ist und die AUssagen auf den Punkt gebracht werden. Dies vereinfacht wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Alle, die Architektur oder Innenarchitektur studieren und das Fach Baugeschichte belegen, sollten sich unbedingt dieses Buch kaufen.
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Erzählte Baugeschichte Architektur zwischen Machtdemonstration und Schutz des Lebens
Von Dr. Sylvia Neuhäuser-Metternich
Was wissen junge Menschen von der Baugeschichte? Und wie viel davon haben ältere noch behalten? Baugeschichte von ihren Anfängen in den frühen Hochkulturen und der Antike an bis heute, das ist Menschheitsgeschichte und daher wissenswert für Alt und Jung. Wer das Bauen der Menschen beschreibt, der sagt zugleich, wie sich das Sein der jeweils bauenden Menschen bestimmt. In "Meilensteine der Architektur" werden Gebäude und Ensembles in den Blick gerückt, die dem Denken ihrer Zeit Orte eingeräumt und damit Räume des Wohnens im Sinne von "Gewohnheitsbildung" eröffnet haben.
Die Autorin, Professorin am Fachbereich Architektur der Fachhochschule Dortmund und erfahrene Stadtplanerin, erfüllte sich mit diesem Buch den langgehegten Wunsch, eine Geschichte der Architektur so zu schreiben, wie sie diese in ihren Vorlesungen den Studierenden vermittelt. Dabei wählt sie als Technik die Erzählung und zieht die Leserinnen und Leser in ihren Bann, wenn sie in der "Baugeschichte nach Personen, Bauten und Epochen" Gebäude und historische Stadtstrukturen mit konkreten Menschen und deren jeweiligem Lebensgefühl und Selbstverständnis verbindet. Wenn sie etwa "die teilweise maßstabslosen Entwürfe der Revolutionsklassizisten" als Illustrationen der Machtfülle des revolutionären Staates und zugleich der utopischen Herrschaft der Vernunft (S. 168) ausweist. Am Beispiel von Etienne-Louis Boullée werden die von Montesquieu und Voltaire gespeisten pädagogischen Absichten dieses Gigantismus verdeutlicht: Er wollte der "Vernunft einen Tempel bauen", um so auch die noch nicht von der Aufklärung inspirierten Zeitgenossen für die neuen Ideen zu gewinnen (S. 187). Mit der "Macht der Vertikalen und der Kraft der Horizontalen" (S. 190) kreierte er eine Form der Monumentalisierung, die noch "Auswirkungen auf den monumentalen Neoklassizismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" zeitigte (S. 19). So werden neben den Meilensteinen auch die Spuren sichtbar, die zu erkennen geben, dass der Vorschrift "Hier geht es lang!" viele Spätere folgten und sie in ihren Dienst stellten. Mit ihrer Architektur das Volk "beeindrucken, erschrecken und formieren" (S.448) war die Absicht der totalitären Staaten in Deutschland, Italien und Russland - die Geschichte zeigt, wie sehr ihnen dies gelungen ist.
Machtdemonstration
Wie das Beispiel zeigt, markieren Meilensteine und die sie verbindenden Wege nicht nur eine Spur der Entwicklung menschlichen Geistes, sondern vor allem auch der Machtentfaltung und Machtdemonstration. Denn überwiegend können nur Mächtige Meilensteine setzen bzw. setzen lassen. Daher entpuppen sich zahlreiche der gebauten Meilensteine als Hinterlassenschaften eines totalitären Regimes oder des Faschismus im ursprünglichen Sinne der Fasces, der Rutenbündel, die den Mächtigen vorangetragen wurden als Symbol der Gewalt über Leben und Tod.
Bereits "frühe Hochkulturen waren Tyranneien bzw. Sklavenhalter-Gesellschaften" (S.15), es waren "Stadtkulturen, in deren Stadtgrundriss sich Herrschaft, Schichtung und Kult widerspiegeln und in denen Kunst und Architektur dem Kult, der Religion und der Herrschaftssicherung dienen"; so symbolisiert der biblische Brudermord von Kain, dem Ackerbauer, an Abel, dem Hirten, die Gewalttätigkeit, mit der die Stadtkultur ihren Anfang nimmt (S.17). Und im weiteren Geschichtsverlauf zeigt sich das Motiv der Macht als menschliche Konstante: Bereits um 750 vor unserer Zeitrechnung wurden Kolonien mit Kolonialstadt planmäßig angelegt. Die griechische Polis ist zunächst wehrhafte Burg, dann Stadt. Rom prunkt mit durch Bauten sich ausdrückender imperialer Machtentfaltung (S.21) und diese Bauten sind "Ergebnisse von Sklavenarbeit" (S.29).
Wenn sehr viel später dann die Arbeiter auftrumpfen und z.B. an der Gemeindesiedlung Karl-Marx-Hof (1926-33) im "roten Wien" eine "triumphale Haltung" der Architektur deutlich wird, dann wurde diese Demonstration der Macht auch als solche verstanden und provozierte Gegenmacht: Militärs und Heimwehr beschossen 1934 "diese letzte Bastion der widerständigen österreichischen Sozialdemokratie" (S.417).
Im aktuellen Kontext ist die Feststellung interessant, dass der von Paul Bonatz in den 1920er Jahren erbaute Stuttgarter Hauptbahnhof als Beispiel für den extrem monumentalen Zyklopenstil Erwähnung findet (S.361): Hier scheinen ehemals in Stein gebannte Riesenkräfte heute im Widerstand der Bürgerinnen und Bürger aktiviert zu werden.
Dekonstruktion und Schutz des Lebens
Wie sehr die Baugeschichte eine Geschichte der männlichen Machtdemonstration ist, wird auch daran deutlich, dass bis heute kaum eine Architektin Gelegenheit hatte, durch eigene Bauten von sich reden zu machen. In den "Meilensteinen" wird eine einzige vorgestellt, Zaba Hadid, Pritzker-Preisträgerin von 2004. Kennzeichnend scheint es zu sein, dass sie "die Kunst- und Fachwelt fasziniert" als prominenteste Vertreterin des Dekonstruktivismus (S. 496). Diese Richtung in der Architektur, die den überlieferten Anspruch der "richtigen Konstruktion" in Zweifel zieht und eine eigene architektonische Logik entwickelt, bietet sich an als Betätigungsfeld für eine Frau in einem derart männerdominierten Bereich.
Einige weitere Frauen finden Erwähnung, die als Ehefrauen oder Partnerinnen von berühmten Architekten einen gewissen Einfluss auf die Planungen nehmen konnten, darunter auch die erste professionelle Architektin in den USA, Louise Blanchard Bethune (S.303).
Als Planungskritikerin hat sich allerdings eine Frau einen Namen gemacht und erhebliche Verdienste erworben: Jane Jacobs war wesentlich verantwortlich für die "erste wichtige Niederlage" der offiziellen Stadtplanung in New York. Erfolgreich kämpfte sie mit der Unterstützung der betroffenen Bürger um den Erhalt von Greenwich Village. In ihrer Streitschrift "The Death and Life of Great American Cities" (1961) missbilligte sie "die Leitbilder der Stadtplanung", die "den Verlust von Urbanität, von Nachbarschaft und sozialen Bindungen in den Städten" zur Folge hätten. Die Proteste waren erfolgreich: "Greenwich Village zählt heute zu den attraktivsten und lebendigsten Vierteln der Stadt" (S.491).
Bereits nach dem ersten Weltkrieg hatte sich die politische Revolution in der Architektur als radikale "Formzertrümmerung" (S. 390) zum Ausdruck gebracht. Der Berliner Architekt Leo Adler fragte 1926: "Was will das Bauen?" Seine "allseits akzeptierte Antwort" lautete: "Den Schutz des Lebens" (S. 391).
So zeigt sich auch hier, Architektur ist Kommunikation auf dem Hintergrund der jeweiligen historischen Situation, gespiegelt in der jeweiligen Philosophie und Ökonomie. Auch Gottfried Semper (1803-1879) hatte auf das Bedürfnis der Menschen reflektiert und Frank Lloyd Wright (1867-1959) über Gesellschaft, Kunst, Kultur und Zivilisation.
Im Projekt "Stuttgart 21" verweisen "Wutbürger" auf die Entfremdung der Profipolitiker von den "Menschen im Land" und zeigen überdeutlich: Architektur geht alle an. Der Turmbau zu Babel war vermutlich nicht das erste, aber wohl auch noch lange nicht das letzte Projekt, das an Kommunikationsproblemen gescheitert ist.
In das jeweilige Verhältnis von Mensch und Raum gibt die Autorin immer wieder Einblick, indem sie historische Bezüge zur jeweiligen Politik, Philosophie, Kunst und Kultur im weitesten Sinne herstellt. Im spiralförmigen Berichtsverlauf kommt sie vielfach auf chronologisch früher bereits behandelte Architekten zurück, um deren Einfluss auf spätere oder gleichzeitige, aber differierende Stilrichtungen aufzuzeigen. Damit gelingt es ihr, das dichte Netz gegenseitiger Überlagerungen und Befruchtungen in der Architekturgeschichte sichtbar zu machen.
Die Begeisterung der Autorin für ihre Sache teilt sich im authentischen Stil ihrer Sprache mit, die unangestrengt, mit leichter Hand geschrieben und oft herzerfrischend wirkt. Hilfreich sind das gut gestaltete Glossar, das Personen- und das Gebäuderegister sowie die Abbildungen, von denen allerdings noch deutlich mehr wünschenswert gewesen wären. Alles in allem ein lesenswertes Buch.
Renate Kastorff-Viehmann: Meilensteine der Architektur. Baugeschichte nach Perso-nen, Bauten und Epochen, Kröner, Stuttgart 2010, 580 Seiten, 94 Abbildungen.
Sylvia Neuhäuser-Metternich



