Risse in weißen Fassaden: Der Verfall des hanseatischen Bürgeradels
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Produktinformation
- Amazon-Verkaufsrang: #158890 in Bücher
- Veröffentlicht am: 2006-02-15
- Einband: Gebundene Ausgabe
- 368 Seiten
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Faszinierender Einblick in Hamburgs Geschichte
Von francon1973
In den Mittelpunkt seines Portraits der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Hansestadt Hamburg hat Autor John F. Junglaussen die großen Kaufmannfamilien gestellt und das, was sie über Generationen für die Stadt getan haben, aber auch das, was sie gegen sie getan haben. Das exemplarische Augenmerk gilt vorrangig den Familien Amsinck, Ballin, Münchmeyer und Vorwerk. Deren Oberhäupter waren mutige, gewiefte Kaufleute, die auf couragierte Art dem Laufe der Weltgeschichte einiges an Privilegien und Vorteilen für die Hansestadt abgewinnen konnten. Aber sie waren auch stolze, arrogante Angehörige von Kasten, die in ihrer Selbstverliebtheit und der vollkommenen Indolenz gegenüber politischem Geschick manchen Fortschritt für Hamburg versäumt haben, was sich im Laufe der Jahrzehnte rächen sollte.
Gelitten hat darunter vor allem das Volk, denn dieses hat in Zeiten von Hamburgs größter Blüte auf der falschen Seite gestanden und alles andere als profitiert. Während es sich die Kaufmannsfamilien während der Choleraepidemie von 1892 draußen auf ihren Gütern in Flottbek und den anderen, damals noch vor den Toren der Stadt gelegenen Dörfern gut gehen ließen, starben inmitten Hamburgs tausende von Menschen, weil der Senat die bereits 1870 beschlossene Verbesserung der sanitären Verhältnisse immer wieder hinausgezögert hatte. Die Sicherung von politischen Positionen im Deutschen Bund und die reibungslose Funktion der großen Hamburger Handelsplätze an so exotischen Destinationen wie Valparaiso oder Rio de Janeiro waren dem Senat wichtiger. Als er endlich aufwachte, war es zu spät.
Es war über Jahrhunderte das Drama von Hamburg, dass der Senat ausschließlich mit Kaufleuten besetzt war, die bei allen politischen Entscheidungen nur das wirtschaftliche Wohl der Stadt im Sinn hatten. Was darüber hinausging, wurde mit Desinteresse betrachtet Das bedeutete mangelndes Geschick in allen anderen politischen Belangen, was Hamburg viele Opfer abverlangte. Der Höhepunkt war dann in den grausamen Jahren von 1933 bis 1945 erreicht, welche auch das endgültige Ende der Vormachtstellung der Kaufmannsfamilien in Hamburg bedeuteten. Die Zeiten der Kaufleute im Senat und der Feierabendpolitik war ein für allemal vorbei; die politischen Geschicke der Stadt wurden von nun an von Menschen geführt, die das Geschäft verstanden.
All dies zeichnet John F. Jungclaussen akribisch genau nach, wobei sein Schreibstil alles andere als trocken ist. Zugegeben, manchmal sind seine Beschreibungen ein wenig zu blumig geraten, doch das wird durch die inhaltlichen Qualitäten seines Buches ausgeglichen. Auch wenn die politischen und wirtschaftlichen Taten der von ihm portraitierten Familien eindeutig im Vordergrund stehen, so lässt er den gerade in Hamburg nicht minder wichtigen gesellschaftlichen Aspekt nicht außer acht. Hier sind es vor allem die Frauen, welche die Zügel fest in der Hand haben, und auch diese werden von Jungclaussen treffsicher beschrieben und charakterisiert.
Insgesamt ist "Risse in weißen Fassaden" ein informatives, aber auch unterhaltsam zu lesendes Buch, das tiefe Einblicke sowohl in die Geschichte als auch in die gesellschaftlichen Geschicke der Hansestadt bietet und dem Leser so näherbringt, was das "ein wirklicher Hanseat sein" ausmacht.
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Teilweise irreführender Titel
Von S. Loos
Zunächst einmal muss ich sagen, dass der Auto John F. Jungclaussen die Entwicklung der Hamburger Kaufmannschaft und der wichtigsten Familien bildlich, verständlich und gut für den doch schwierigen Stoff darlegt.
Leider fängt auch hier für mich die Irreführung an: Von dem textlichen Inhalt; d. h. unter anderem den Abriss der Hamburger Stadtgeschichte im gesamten (kurz die Stadtgründung) und dann die fast komplette neuere Hamburger Geschichte seit der napoleonischen Besetzung bis hin in die Bundesrepublik Deutschland gibt dem Autor den Rahmen für den Aufstieg! und Verfall der bespielhaft beschriebenen Kaufmannsfamilien. Meines Erachtens interessant für denjenigen, der die Geschichte Hamburgs nicht oder nur kaum kennt und wahrscheinlich als Leitrahmen und Erklärungsmuster für das Verständnis der Geschichte gedacht. Für ein solches "spezielles" Werk, das in die Details geht, erwarte ich nun aber gerade dieses nicht, so dass für mich das Werk stellenweise einen langatmigen Eindruck hinterlassen hat (insebsondere die Stellen über die Stadtgründung, Machtergreifung des NS-Regimes und dem Feuersturm). Die Stellen haben für mich nichts mit dem Titel zu tun und könnten für mich gekürzt werden. Hier wäre mehr Platz für Geschichte der Kaufmannsfamilien gewesen. Vielmehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Titel eher lauten müsste:
Die Entwicklung der neueren Hamburg Geschichte am Beispiel des Aufstiegs und Niedergangs einiger grosser Hamburger Kaufmannnsfamilien
Mir ist bewusst, dass ein solcher Titel sich mehr nach der grundlegenden Doktorarbeit anhört, aber er trifft es für mich genauer.
Sehr gut fand ich, dass der Auto konsequent die Blickrichtung nur ins Auge der Kaufmannsfamilien gerichtet hat, so dass ich mich sehr gut in das Leben und deren Entwicklung hereinfinden konnte. Lästige Exkurse in die anderen Gesellschaftschichten hat der Autor glücklicherweise gelassen. Dies hätte in diesem Zusammenhang nur gestört; man sollte sich aber die Vielfalt der Bevölkerung und der Belange immer im Hinterkopf mit vergegenwärtigen.
Alles in allem ein lesenswertes Buch, wer die Einblicke in die nähere Vergangenheit der Kaufmannsepoche magt und somit für mich doch versöhnliche gutgemeinte 3 Punkte.

