Holger und Lan: Dann laufen wir halt nach München
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Produktinformation
- Amazon-Verkaufsrang: #652636 in Bücher
- Veröffentlicht am: 2005-03-29
- Einband: Taschenbuch
- 190 Seiten
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
...Klasse Läufer....
Von andreas neubert
In diesem Buch werden uns mit Holger Schipper und Lan Demiri (im bürgerlichen Leben: Vertreter für Herzkatheder bzw. Restaurantbetreiber) zwei passionierte Laufabenteurer aus dem Ruhrpott vorgestellt. Gemeinsam haben sie in den letzten 3 Jahren so manches Lauferlebnis absolviert. Durch ihre Spendenaktion zugunsten der José-Carreras-Stiftung im vergangenen Jahr - ein 100-h-Nonstoplauf von ihrer Heimatstadt Bochum nach Leipzig, gemeinsam mit dem bekannten Popstar Joey Kelly (gleichfalls ein ambitionierter Ausdauersportler), sind sie auch überregional bekannt geworden.
Ich war somit als nicht ganz unbefangener Leser (Erfahrung als Ultra- und Etappenläufer sowie als Mitorganisator des Saalelaufes) ziemlich gespannt auf das, was Holger und Lan zu berichten hatten.
Nach Titel und Intention gehört das Werk eigentlich in die Kategorie Lauferlebnisschilderungen, der Untertitel verweist jedoch noch auf andere Ambitionen. Das Buch wendet sich sowohl an praktizierende Läufer als auch (passive) Lauf(abenteuer)begeisterte.
Im ersten Abschnitt (S. 8-55) geht es um einen legendären Lauf von Bochum nach München (620 km) im Oktober 2002 - Ausgangs- und zugleich erster Höhepunkt der Laufkarriere von Holger und Lan. Hintergrund hierfür war eine verrückte Fußballwette. Schier unmöglich schien der Aufstieg des VfL Bochum in die erste Bundesliga 2002, sollte er es dennoch schaffen, so wollten die beiden zum ersten Auswärtsspiel laufen. Als dieser unerwartete Fall dann eintrat, mußten Holger und Lan Farbe bekennen und die Sache nahm im wahrsten Sinne des Wortes ihren Lauf. Beginnend mit der ausführlichen Beschreibung der sportlichen und logistischen Vorbereitung bis zur stellenweise recht packenden Schilderung der 13-tägigen Laufaktion, die von Anfang an große Resonanz in den Medien fand und für gute Zwecke genutzt wurde (Spendenaktion für „Ärzte ohne Grenzen"), spannt sich hierbei der erzählerische Bogen.
Kaum erholt, rüsteten die beiden - nunmehr bereits unheilbar vom Laufvirus infiziert - zum nächsten Abenteuer. Sie begannen ihre Vorbereitungen zu einem der wohl härtesten Ultraetappenläufe der Welt, dem berühmten „Marathon des Sables" - ein 5-Tage-Rennen über 250 km in der marokkanischen Wüste. Wie auch schon bei ihrem ersten Lauf, so verbanden sie auch diese Aktion mit dem Benefizgedanken. Diesmal ging es um die Unterstützung von „Interplast" (einem Zusammenschluss von Ärzten, der im Bereich der plastischen Chirurgie Kindern in aller Welt, vor allem Kriegsopfern, hilft). Über die schweißtreibende Vorbereitung und den abenteuerlichen Verlauf berichtet der nachfolgende flüssig und lebendig geschriebene Abschnitt (S. 57-89), der meiner Meinung nach zu den gelungensten des Buches zählt.
Nach diesem überwältigenden Erlebnis war für die müden Helden erst einmal Pause angesagt. Weiter vom Lauffieber gepackt, starteten sie jedoch im April 2004 zur „Tortour de Ruhr" - einer Laufreise durch das Ruhrgebiet über die Distanz von 10 Marathonläufen. Der Leser erfährt in diesem kurzen Abschnitt (S. 90-95) nur sehr wenig über die Hintergründe und den Verlauf der Aktion. Ich hatte den Eindruck, daß es sich hier um ein „Füllkapitel" handelt, nur der chronologischen Vollständigkeit halber aufgenommen und etwas lustlos geschrieben. Die Begeisterung der beiden vorhergehenden Abschnitte ist jedenfalls auf der Strecke geblieben - schade!
Breiteren Raum nimmt wieder die nächste sportliche Aktion der beiden ein (S. 96-113) - der Non-Stoplauf von Bochum nach Leipzig zugunsten der José-Carreras-Stiftung für Leukämiekranke. Nach dem schon bekanntem Muster werden dem Leser zunächst Motive und Hintergründe, nachfolgend dann Vorbereitung und Durchführung des Events geschildert. Bei der anschaulichen Schilderung der Einzeletappen blitzt die alte Begeisterung wieder auf. Irgendwie gerät die Erzählung aber farbloser als zu Beginn des Buches. Man spürt als Leser förmlich die mentale Erschöpfung des Autorenteams. Und so nimmt es dann auch nicht wunder, wenn im Epilog zunächst etwas leidenschaftslos in wenigen Zeilen auf einen weiteren Lauf zugunsten der Tsunami-Opfer zu Beginn des Jahres 2005 hingewiesen wird und dann (etwas resignierend?) das Ende der „Bochumer Marathonspende" verkündet wird. Mit den „100 Stunden für Carreras" (als dem Event, das nicht zu toppen ist) wurde offenbar der - vorläufige - Höhepunkt erreicht. Zumindest in der bisherigen Form, denn Weiterlaufen werden die beiden nach eigenem Bekunden auf jeden Fall!
Nun folgt, völlig abgehoben vom bisherigen „Prosa"-Teil, der 2.Abschnitt „Tipps für den Marathonläufer". Auf 75 Seiten (S. 114-188) versuchen die Autoren, die Thematik erschöpfend abzuhandeln: vom historischen Hintergrund über Motivation und Ausrüstung sowie medizinische Aspekte, weiter zum eigentlichen Training, zur Ernährung bis hin zum Wettkampf. Dem folgen dann etwas unmotiviert Internetadressen von Marathonläufen weltweit. Nun ja, auch hier fällt das Urteil differenziert aus: Der Leser erfährt auf knappen Raum manches Interessante, den Abschnitt zur Motivation halte ich für recht ansprechend. Insgesamt als knappe Basisinformation nicht schlecht, halte ich dennoch vor allem die Passagen zum Training als Leitfaden für den Einsteiger in keiner Weise für ausreichend. Hier ist man mit einigen Nummern der "Runner's World" oder informativen Seiten im Internet besser bedient. Eine Zusammenstellung empfehlenswerter Laufliteratur wäre an dieser Stelle hilfreicher gewesen.
Überhaupt hätten sich die Autoren für eins entscheiden sollen: Lauferlebnisbuch oder Trainingsleitfaden: In der vorliegenden Form wirkt das Ganze etwas gewollt und letztlich auch trocken. Und warum eigentlich Marathon? Die Pfunde, mit denen Holger und Lan wuchern können, sind doch ihre Erfahrungen im Ultra- bzw. Etappenlaufbereich! Ein Blick auf die facettenreiche heimische und internationale Ultraszene hätte die großartigen Leistungen von Holger und Lan keineswegs geschmälert, wohl aber das Gesamtbild bereichert und die ganze Sache abgerundet.
Nicht nur an dieser Stelle, auch im eigentlichen Erlebnisbericht, zeigen sich Sprünge und Inhomogenitäten. So wird die an sich gute Idee, die Erzählperspektiven zu wechseln und dies auch optisch zu verdeutlichen (mal objektiv Autor, mal subjektiv die Läufer) nicht konsequent genug durchgestaltet. Man kann sich insgesamt des Eindrucks nicht erwehren, daß das Werk eilig, vielleicht allzu schnell, zu Ende gebracht werden mußte. Oder war es gar nur als Buch zum Film gedacht (den ich leider nicht kenne)?
Schade also, daß hier etwas verschenkt wurde, denn die Voraussetzungen waren eigentlich günstig: zwei sympathische Typen, ein faszinierender Stoff, Autor und Verlag als Partner und eine beneidenswerte PR-Arbeit mit hoher Anteilnahme der Medien - oder erwies sich letzteres am Ende gar als Hemmschuh, um die Lauferlebnisse „in aller Ruhe" literarisch ansprechender umsetzen zu können?
Trotz aller kritischen Anmerkungen vermitteln vor allem die Passagen zum „Marathon des Sables" und zum Carreras-Lauf einen sehr lebendigen und plastischen Eindruck von dem, was (Ultra-)läufer umtreibt, was sie während derartiger Belastungen fühlen und erleben. Wer einmal die Luft der großen Läuferwelt schnuppern möchte, kommt hier auf seine Kosten. Wer einen Ratgeber für das Lauftraining sucht, greife besser zu etwas anderem.
Zu guter Letzt: Hut ab vor den sportlichen Leistungen von Holger Schepper und Lan Demiri und viele schöne (Lauf-)erlebnisse in der Zukunft - „keep on running!"
Nachsatz: Natürlich freue ich mich besonders, meine Laufkameraden Frank Berger und Werner Zabel in diesem Werk verewigt zu finden - als hilfreiche Begleiter des Teams in und um Halle!
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